Seit letztem Jahr bin ich Mitglied in zwei privat organisierten und daher kostenfreien Buchclubs. Die Idee bei beiden ist, daß alle aus der Gruppe (in alphabetischer Reihenfolge) nacheinander ein Buch aussuchen, das gemeinsam gelesen und diskutiert wird. Diese Idee gefiel und gefällt mir sehr und gab den Ausschlag dafür, daß ich beigetreten bin. Jetzt, nach ungefähr einem halben Jahr und einigen gemeinsamen Leserunden, will ich ein erstes Resümee ziehen.
Vor Beginn der ersten gemeinsamen Leserunden dachte ich, daß das Hauptproblem auf Dauer wahrscheinlich darin bestehen dürfte, daß nach und nach niemand mehr mitliest, die Diskussionen daher nicht stattfinden und sich die Clubs dann auflösen. Bei meiner einen Buchgruppe lief es tatsächlich so ab. In der ersten Leserunde haben 100% der Teilnehmer aktiv mitdiskutiert, in der zweiten waren es nur noch 75%. In der dritten Leserunde wurde es dann ganz schräg, denn obwohl immerhin 75% der Teilnehmer mit dem Buch anfingen, haben nur 25% das Buch tatsächlich auch beendet. Was sich hier in Prozentzahlen gar nicht so übel liest, war in der Realität allerdings sehr frustrierend, denn diese Gruppe bestand aus nur vier Teilnehmern. Anders gesagt: ich habe zwar die beiden Bücher gelesen und aktiv diskutiert, die zwei Personen vor mir ausgesucht haben, aber das Buch, das ich ausgesucht habe, wurde von nur drei Leuten (incl. mir selbst) begonnen und dann ausschließlich von mir selbst beendet – und natürlich nicht diskutiert. Damit war für mich klar, daß diese Gruppe für mich nicht tragfähig ist und seither herrscht dort auch Schweigen im Walde. Ich fand dieses Verhalten schon echt asozial, im Wortsinn.
Mein zweiter Buchclub ist aktiver, wirft aber ganz andere Probleme auf. Für mich war beim Beitritt klar, daß ich in dieser Gruppe Bücher lesen würde, die ich mir niemals selbst für mich ausgesucht hätte, da ich die anderen Teilnehmer schon im Vorfeld kannte und wußte, daß wir ganz unterschiedliche Dinge mögen. Für mich war aber auch klar, daß die Mitgliedschaft in einem Buchclub beinhaltet, daß man sich aus seiner Komfortzone hinausbewegt und sich auf Bücher einläßt, die einem ggf. nicht gefallen könnten. So habe ich im letzten Herbst einen superschnulzigen Liebesroman gelesen und auch diskutiert, von dem ich im Normalfall nicht einmal den Klappentext gelesen hätte. Man könnte natürlich argumentieren, daß das verschwendete Lesezeit/Lebenszeit ist, aber ich denke, sich auf etwas Neues einzulassen und der Austausch im Buchclub sind dann eben die Benefits, die man dafür kriegt. Nach dem Liebesroman wurden aber weiterhin Bücher ausgesucht, die ich für mich gar nicht in Betracht gezogen hätte, meist Liebes-, Frauen- oder Romantasybücher. Ich habe dann teilweise pausiert, weil ich so viel geballten Schnulz dann einfach doch nicht ertrage. Was ja auch okay ist.
Kürzlich haben wir dann ein Buch gelesen, in dem geschildert wird, daß eine Figur etwas sehr Unmoralisches tut (Mordversuch an der kleinen Schwester). Das war das erste Mal, daß wir in diesem Buchclub an eine Stelle gekommen sind, wo sich meiner Ansicht nach eine echte Diskussion hätte entwickeln können. Denn sorry, darüber, als wie süüüüüß ein Typ in einem Romantasyroman geschildert wird, kann sich keine fruchtbare Diskussion entwickeln. Ich war richtig Feuer und Flamme und habe meine Ansicht dargelegt und meine Beurteilung dieser Figur auch dezidiert begründet. Die Reaktion war für mich fürchterlich enttäuschend. Die meisten schwiegen dazu oder vertagten ihre Reaktion auf später, wohl um zu schauen, was die anderen in der Gruppe schreiben würden. Manche schrieben auch klar, daß ihnen das zu heftig sei und daß sie in einem Buch immer ein Happy End brauchen.
Jetzt überlege ich, inwiefern es für mich sinnvoll ist, in dieser Gruppe weiterzulesen. Ich muß davon ausgehen, daß auch in Zukunft vermehrt Schnulzen mit Happy End ausgewählt werden und daß weiterhin keine tiefschürfende Diskussionen geführt werden werden. Wäre es da nicht sinnvoller, meine Lesezeit auf selbst ausgewählte Bücher meiner ewigen Leselisten zu verwenden? Andererseits brenne ich nach wie vor für die Idee eines Buchclubs. Nur scheint sich die Idee ja nicht zu verwirklichen.
Schwierig.
Mein Fazit nach rund sechs Monaten in zwei Buchclubs? Könnte cool sein, kommt aber auf die Zusammensetzung und die Bereitschaft der Gruppe an, sich einzulassen und in die Tiefe zu gehen. Ich persönlich brauche keine Gruppe, um mich zum Lesen zu motivieren, und bin eher enttäuscht, wenn sich Gruppenaktivitäten darauf beschränken, mitzuteilen, auf welcher Seite man gerade ist.