Gelesene Bücher im März 2022

  • Ute Packheiser: Das Voynich-Manuskript. Roman, selbst gekauft. Okay, wenn man sich in der Faktenlage zum Voynich-Manuskript auskennt, erwartet man von einem Roman zu dem Thema jetzt nicht die Welt, doch ich hätte mir gewünscht, daß die Autorin sich etwas mehr einfallen ließe, als daß eine Analphabetin den Text verfaßt, zufällig fehlerfrei, aber eben nicht lesbar. Stöhn. Die beiden anderen Plots waren leider auch nicht viel besser: 1912 begleiten wir Voynich beim Auffinden des Textes und werden dann die nächsten 300 Seiten eigentlich nur noch mit seinen Ehestreitigkeiten mit seiner Frau Ethel „unterhalten“ und 2012 forschen wir mit dem deutschen Journalisten Paul am Codex, der sich mühsam seine Infos zusammenkratzen muß, die er auch einfach bei Wikipedia hätte nachlesen können. Stöhn! Die Figuren agieren total hölzern, die Dialoge sind oftmals unfreiwillig komisch bis absurd, und man wartet eigentlich nur darauf, daß endlich mal was passiert. Ein sorgfältigeres Lektorat hätte man dem Text auch gewünscht. 2/5.
  • Hilde Schmölzer: A schöne Leich – Der Wiener und sein Tod. Sachbuch, aus der Bibliothek. Schmölzer erzählt von der Anlage des Wiener Zentralfriedhofs, der dann 1874 eröffnet wurde, von den pompösen und extrem kostspieligen Bestattungen für die Reichen und den mehr oder weniger anonymen Beisetzungen in Schachtgräbern für die Armen, von Mumien in St. Michael und der Kaisergruft und vom zwiespältigen Verhältnis der Wiener zum Tod. Sehr interessant! 4/5.
  • Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer. Roman, aus der Bibliothek. Im Jahr 1634 soll das Schiff Saardam den Generalgouverneur von Batavia (Indonesien) und seine Familie nach Amsterdam bringen. Mit an Bord ist der brilliante Ermittler Samuel Pipps – allerdings in Ketten gelegt und in eine winzige Zelle eingesperrt. Noch vor Beginn der Reise wird das Schiff von einem Aussätzigen verflucht, der im Anschluß an seinen Fluch in Flammen aufgeht und von Pipps Freund und Leibwächter Arent Hayes aus Barmherzigkeit von seinen Qualen erlöst wird. Direkt nach Beginn der Reise häufen sich merkwürdige Vorfälle: okkulte Zeichen werden an vielen Orten entdeckt, das mitgebrachte Vieh wird ermordet, ein Aussätziger geht auf dem Schiff um und des nachts hört man die Stimme eines Dämons, des Alten Tom, auf Seelenfang gehen… Das Buch wird meiner Meinung nach zurecht als Krimi gehandelt. Es liest sich schön flüssig und ist sehr unterhaltsam, allerdings kann man nach etwa einem Drittel schon wissen, wer für den Spuk verantwortlich ist, wenn man genau liest und mitdenkt. Das Ende fand ich nicht ganz befriedigend, obwohl die Auflösung logisch war. Alles in allem verdiente 4,5/5.
  • Jane Elliott: Ausgeliefert. Biographie, aus dem Bücherschrank. Jane ist vier Jahre alt, als sie aus einer Pflegefamilie genommen und zu ihrer Mutter und deren neuem Ehemann gebracht wird. Mehr als 17 Jahre lang ist sie von da an systematischem Terror und Mißbrauch ausgesetzt, bis sie es endlich schafft, sich ihrem Mann anzuvertrauen und rechtliche Schritte einzuleiten. Schön zu lesen ist so ein Buch gewiß nicht, aber die Geschichte von Jane macht Mut. 3/5.
  • Simon Winchester: Der wilde Strom – Eine Reise auf dem Jangtse. Reisebericht, aus der Bibliothek. Winchester bereiste 1995 den Jangtse von der Mündung zu einer seiner Quellen, teils mit dem Schiff, teils aber auch entlang des Ufers im Auto oder Bus. Er erzählt von Politik und Revolutionen, vom unmenschlichen Umgang Chinas mit seinen Bürgern und der Umwelt, insbesondere auch hinsichtlich des damals im Bau befindlichen drei-Schluchten-Damms, von den Interessen Europas und den Mandarinen. So entfaltet sich ein sehr facettenreiches Bild von China und seinem wichtigsten Strom. 4,5/5.
  • Marcus Paudler: „Schwule sind doch immer nett…“. Biographischer Roman, geschenkt bekommen. Ich verkürze mal die Rezension auf das Notwendige: es ist furchtbar. 0,5/5.
  • Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage. Roman, geschenkt bekommen. Eigentlich ist es gar nicht richtig, daß ich dieses Buch im März gelesen habe, denn tatsächlich habe ich fast neun Monate dafür geackert, um es gelesen zu bekommen. Auf der Handlungsebene passiert nicht viel oder quasi nichts: drei Kinder und ihre Familien werden vierzig Jahre lang begleitet, während halt ihr Leben stattfindet. Mal passieren gute Sachen, mal nicht, mal kriegt man auch raus, daß ein Elternteil untreu war oder irgendwo ein Sack Reis umgekippt ist. Der Erzählstil ist wundervoll poetisch und wäre das Buch nur 200 Seiten lang gewesen, hätte es mir eine angenehme Leseerfahrung bereitet. Aber mit seinen 540 Seiten ist das Buch einfach zu lang und zu langweillig. Ich hatte über weite Strecken das Gefühl, die ich-Erzählerin würde mir mit ihren künstlich in die Länge gezogenen Sätzen ein Ohr abkauen, und das strapazierte meine Geduld schon sehr. Alles in allem habe ich es nur gelesen, weil ich ergründen wollte, warum es viele für ein so tolles Buch halten, aber die Zeit hätte ich besser in was anderes investiert. Verschnarchte 1/5.
  • Maryanne Wolf: Schnelles Lesen – langsames Lesen: warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen. Sachbuch, aus der Bibliothek. Wolf erklärt, wie Lesen auf physischer, neuronaler Ebene funktioniert und welcher wichtige Unterschied zwischen dem Lesen von Büchern und dem Lesen digitaler Medien besteht. Sie zeigt auf, wie sich unsere Aufmerksamkeitsspanne im Laufe unseres Leser-Lebens verringert und formuliert daraus Thesen für künftige Generationen von Lesern. Uns, die wir heute schon (oder noch?) Bücher lesen, kommt dabei laut Wolf die Aufgabe zu, künftigen Generationen das „zwiefache Lesen“, wie sie es nennt, beizubringen. Ein wundervolles Buch. Klug und interessiert geschrieben, ist es doch auch eine Ode an das Lesen an sich. 5/5.
  • Karen Dionne: Rabentochter. Thriller, aus der Bibliothek. Rachel befindet sich seit 15 Jahren in einer psychiatrischen Klinik, weil sie davon überzeugt ist, im Alter von elf Jahren ihre Eltern erschossen zu haben. Als der Bruder eines anderen Patienten, ein angehender Journalist, um ein Interview mit ihr bittet, beginnt sie, ihre Geschichte zu hinterfragen. Parallel zu Rachel erzählt deren Mutter Jenny die Geschichte ihrer Familie, von ihren beiden Töchtern, ihrer eigenen Schwester und den Verwicklungen, die am Ende zu ihrem Tod und dem Tod ihres Mannes führen. Im Grunde gibt es keine Überraschung, aber das Buch ist dennoch unterhaltsam. Logiklücken kann man einfach überlesen (vielleicht außer einer: Rachel betont mehrmals, daß sie Vegetarierin ist, und futtert dann eine Dose Hühnersuppe, nur um wenige Seiten später wieder zu sagen, daß sie ja Vegetarierin ist und gar nicht mehr weiß, wie Fleisch schmeckt, bevor sie sich Speck in die Pfanne haut :mrgreen:). 3/5.
  • Jessica Bruder: Nomaden der Arbeit – Überleben in den USA im 21. Jahrhundert. Sachbuch, aus der Bibliothek. Bruder hat die modernen Nomaden Amerikas, die sich meist aus der Mittelschicht rekrutieren und in Vans leben, weil sie sich die Mieten oder Hypotheken nicht mehr leisten können, über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet und dabei viele interessante Menschen und Orte kennengelernt. Dennoch ist ihr Buch keine Abenteuerlektüre, sondern vielmehr ein knallhartes Porträt der Wirklichkeit von Millionen von Menschen, die sich in einem der reichsten Länder der Welt abgehängt und ungewollt fühlen. Sehr berührend, einfühlsam und für mich dann doch auch abenteuerlich zu lesen. 4,5/5.